Schmerzstiller oder Kaffeegenuss?

(sr) Der in Ingolstadt gegründete Cannabis Social Club sorgt für Diskussionsstoff.

Seit 6. Februar gibt es auch in Ingolstadt einen Cannabis Social Club. Mit Unterstützung des Cannabis Verbands Bayern, der in allen 90 bayerischen Wahlkreisen solche Clubs gründen möchte, wurde die Gruppierung mit acht Mitgliedern aus der Taufe gehoben. Der Verein unter Vorsitz des 31-jährigen Bernd Kirschner und seines Stellvertreters Roland Johann Plank setzt sich nicht nur für die schrittweise Legalisierung des kontrollierten Cannabiskonsums, sondern auch für Cannabis als Therapie zur Schmerzbekämpfung ein. Ein Thema, das stark polarisiert: Während Schmerzpatienten auf Linderung ihrer Beschwerden hoffen, lehnen Gegner die Gründung solcher Vereine vehement ab. Die Begründung: Cannabis-Genuss gelte als Einstieg in den Konsum weitaus härterer Drogen. Blickpunkt hat bei den Ingolstädter Parteien nachgefragt, wie sie dieses Thema bewerten. Bis auf die SPD haben sich alle politischen Gruppierungen an unserer Umfrage beteiligt. 

Hans Süßbauer, CSU:

Die CSU ist strikt gegen eine Freigabe von Cannabis! Daran hat sich nichts geändert, auch wenn die Befürworter gebetsmühlenhaft immer wieder die gleichen und falschen Argumente wiederholen. Dabei sind diese Leute erfinderisch, einen vermeintlichen Weg zu finden, um angeblich straffrei Cannabis konsumieren zu können. Die Gründung eines „Kiffer-Clubs“ gehört dazu. Fakt ist, die Halbwertzeit des Wirkstoffes THC beträgt ca. zwei bis drei Tage. Cannabis ist keine Spaßdroge! Wer regelmäßig konsumiert, verändert seine Wahrnehmung. Wer wissen will, wie Cannabis wirkt, sollte im Internet die Broschüre „Hasch im Hirn“ lesen.

Stefan Hurler, FDP:

Die FDP in Bayern hat sich beim Parteitag Ende 2014 mehrheitlich für eine kontrollierte Freigabe von Cannabis ausgesprochen, auch um den Schwarzmarkt mit all seinen Konsequenzen zu verhindern. Wenn der im Jahr 2005 gegründete Cannabis Social Club nun in Ingolstadt tätig wird, um mitzuwirken, dass die klare Abgrenzung zu harten Drogen besser gelingt, sollte dieser Einrichtung bei aller Kritik eine Chance gegeben werden. Nach aktueller Rechtslage bewegt sich der Club in Deutschland immer am Rande der Legalität und untersteht somit zurecht genauer Beobachtung. Mit den Erfahrungen (auch aus anderen Ländern) könnte schrittweise mehr erreicht werden als mit pauschaler Verteufelung. 

Peter Springl, FW:

Wir halten überhaupt nichts von der Gründung so genannter Cannabis Social Clubs auf kommunaler Ebene und wundern uns, dass dieses Thema so breiten Raum einnimmt. Hinter der Gründung dieser Clubs steht der durchsichtige Versuch, das Verbot des Cannabis-Konsums gewissermaßen von unten her aufzuweichen. Wir haben uns aber an bestehende Gesetze zu halten, und dafür ist einzig und allein der Bundesgesetzgeber zuständig. Das bedeutet, der Konsum von Cannabis ist aus guten Gründen verboten und wir werden keine Beihilfe dazu leisten, dieses Verbot auszuhebeln. Völlig unabhängig davon bleibt natürlich der Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken.

Jutta Materna, Die Grünen:

Bayern, des samma mir, Bayern und des bayrische… Cannabis?  Haindlings Satire wurde trotz Massen von Alkoholkranken zur Hymne. Dem Alkohol wird gehuldigt, Cannabis wird kriminalisiert, aber zur Schmerztherapie zugelassen. Der Cannabis Social Club problematisiert dieses ‚zweierlei Maß‘, was kein Straftatbestand ist. Aber es ist komplizierter: Die Wirkung von Cannabis-Konsum auf Körper und Psyche ist nicht harmlos. Aktuelle Studien warnen vor Schäden, besonders durch synthetisches THC (zeit.de/wissen/gesundheit/synthetischer-cannabis-hanf). Statt weitere Drogen zu legalisieren, gilt es, Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Flucht in jede Welt des Rausches nicht erstrebenswert ist.

Benedikt Schmidt, Piraten:

Einige Lokalpolitiker halluzinieren auch 2015 von einer drogenfreien Gesellschaft. Bei statistisch 35.000 Tabaknutzern, 16.500 Alkoholikern, x Tablettensüchtigen und 6.500 Cannabis-Konsumenten in Ingolstadt darf man das nüchtern als nicht ganz dicht bezeichnen. Die Verbotspolitik ist grandios gescheitert. Die Bevormundung Erwachsener beim verantwortungsvollen Umgang mit Rausch- und Genussmitteln widerspricht der Vernunft und verschlimmert die Situation für Suchtkranke und Schmerzpatienten. Ein Cannabis Social Club inkl. Drugchecking und Drogenberatung zerschlägt schädliche Dealerstrukturen und schützt die Gesundheit der Konsumenten. Es ist Zeit für ein neues Reinheitsgebot in Ingolstadt.

Simone Vosswinkel, ÖDP:

Wir unterstützen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an schwerstkranke Patienten, negativ ist aber die Gefahr der Abhängigkeiten bei anderen Konsumenten. Erfahrungen aus anderen Ländern mit Cannabis Social Clubs zeigen die Möglichkeit der Qualitätskontrolle des verkauften Cannabis und der Verminderung des gesundheitlichen Schadenspotentials. Die Clubs hätten dabei eine Informations-/Beratungsaufgabe und eine soziale Kontrollfunktion. So besteht eine bessere Möglichkeit der selektiven Prävention und der Früherkennung von problematischem Konsum. Wir sollten uns aber Gedanken machen, warum der Alkohol-, Nikotin und Cannabis-Konsum bei uns weiter ansteigt.

Christian Lange, BGI:

Einer Nutzung von Cannabis als medizinisches Schmerzmittel stehen wir sehr aufgeschlossen gegenüber. Hierzu müssen mehr Anbau- und Konsummöglichkeiten in Deutschland unter medizinischer Aufsicht geschaffen werden. Aber die Gründung solcher Cannabis-Social-Clubs (CSC) bewerten wir kritisch. Wir sehen in diesen CSCs keinen Sinn, denn wir wollen nicht, dass der Hanfanbau in Vereinen ermöglicht wird und damit der Besitz und Konsum von Cannabis quasi gepusht wird. Ingolstadt ist schon jetzt eine der Drogenhochburgen in ganz Bayern – das ist besorgniserregend. Richtig ist auch, dass Alkohol und Nikotin an allen Ecken in unserem Land zu bekommen sind – auch das sehen wir kritisch. Cannabis sagt man aber nach, dass im Jugendalter irreparable Hirn-Schädigungen möglich sind. Solche Risiken sollten wir unseren Jugendlichen und Heranwachsenden deutlich machen und nicht durch die Zulassung solcher Clubs verharmlosen. Auf der anderen Seite fordern wir, dass in Bayern die übertriebene und völlig überzogene Kriminalisierung der Konsumenten und Besitzer aufhört. Cannabis-Konsumenten, die volljährig sind und die für ihren Eigenbedarf Cannabis in Besitz haben, sind genauso wenig kriminell, wie der erwachsene Käufer eines Kasten Bieres oder einer Schachtel Zigaretten im Supermarkt.

Jürgen Siebicke, Die Linke:

Ich bin entsetzt über das mangelnde Demokratieverständnis der Stadtregierung. Dem Anliegen des gegründeten Vereins kann man kritisch gegenüberstehen, doch muss es möglich sein, in einer demokratischen Gesellschaft auch abweichende Meinungen zu vertreten. Umso tiefer lässt es blicken, dass die Stadt Ingolstadt dem CSC verweigerte, sich in ihren Räumlichkeiten zu gründen. Wenn die Stadtregierung zu solchen Mitteln greift, zeigt sie, wie sehr sie Angst davor hat, sich der längst überfälligen gesellschaftlichen Debatte zu stellen. Die Stadtratsmehrheit aus CSU und FW scheint lieber Realitäten zu ignorieren, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ohne Zweifel, Cannabis ist eine Droge, genau wie Alkohol und Nikotin. Das Problem ist, dass die Einstufung in legal und illegal sowie in hart und weich völlig willkürlich ist und nicht der Lebensrealität im Jahr 2015 entspricht. Immer mehr Staaten entscheiden sich daher für eine Entkriminalisierung oder Legalisierung. Denn es gibt wichtigere Probleme, mit der sich Polizei und Justiz beschäftigen müssen als die Verfolgung von Cannabiskonsumenten. Gerade deswegen werden Die Linke. Ingolstadt und die Stadtratsgruppe versuchen, die gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema weiter zu entwickeln.

Aufmacherfoto: fotolia/Joshua Resnick

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