Der böse Blog

(ma) Warum ist bröckelnder Putz im Urlaub auf einmal romantisch?

 

Ganz wunderbar, dieses kleine, verschlafene Städtchen mit seinen alten Gebäuden, den Efeu überwucherten Gemäuern, all den romantischen Rissen und den putzig bröckelnden Putz. Wir Deutschen begeistern uns im Urlaub für fremde Orte, denen man ihre Geschichte ansieht. Ob in der Toskana, auf einer griechischen Insel oder in Irland – so richtig authentisch ist es doch nur, wenn die Zeichen der Zeit noch sichtbar sind, wenn man über bucklige Kopfsteinpflasterwege schlendert, im Hafen ein paar Schiffswracks entdeckt oder die verfallene Kirchenruine den perfekten Hintergrund fürs Selfie bietet. Schön! Und zuhause? Da ist all die Romantik verflogen. Kopfsteinpfaster? Bekloppte Idee. Bröckelnder Putz geht ganz und gar nicht und Risse in Wänden zeugen von Vernachlässigung durch den Eigentümer des Gebäudes. Hierzulande muss alles sauber, staubfrei, gekittet, geglättet, gestrichen und aufgeräumt sein. Was im Urlaub mit Begeisterung fotografiert wird, würde im Super-Sauber-Land Deutschland nur als Beweisfoto für den Anwalt dienen. Vermutlich ist die Urlaubsidylle nur deshalb so total supi, weil das eigene Zuhause derart klinisch perfekt ist, dass es nur noch Langweile ausstrahlt. Moderne Wohnungen sehen aus, als hätten sie den Möbelkatalog nie verlasen, dazu verfügen sie über den Charme einer Zahnarztpraxis. Wer flüchtet da in seiner Freizeit nicht gerne in eine Traumwelt, in der man Behausungen noch anmerkt, dass einst lebende Wesen namens Mensch darin gehaust haben.

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