Mit aller Macht gegen das Vergessen

(sr) Mathilde Greil, Gründerin der Ingenium-Stiftung und frühere CSU-Stadträtin, im Porträt

Man kann an einem Schicksalsschlag verzweifeln - oder die Krise als Chance betrachten. Mathilde Greil entschied sich für die zweite Variante: Als ihr Ehemann Helmut an Demenz erkrankt, gründet die Ingolstädterin 2001 die Alzheimer Gesellschaft. Drei Jahre später folgt die Ingenium-Stiftung für Menschen mit Demenzerkrankung. In diesem Jahr feiert die gemeinnützige Organisation ihr zehnjähriges Jubiläum.

Sie hat einen Blick für das Wesentliche: Für das, was ihre Mitmenschen brauchen. Und sie ist eine Frau der Tat, die Herausforderungen annimmt. Mathilde Greil wurde 2007 für ihr soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz und der Bezirksmedaille für die Bereiche Soziales, Gesundheit und Umweltschutz sowie 2009 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Das außergewöhnliche Engagement der heute 75-Jährigen zeigt sich schon früh. Mathilde Greil, die damals noch Mathilde Bruckmayer heißt, absolviert in der Firma Obel Mitte der 50er-Jahre eine Lehre als Großhandelskauffrau. Obel steht für Oberdorfer-Bruckmayer-Lorenz, die größte Ingolstädter Lebensmittel-Großhandelsfirma. Greils Großvater Josef Bruckmayer hatte den Familienbetrieb gegründet, ihr Vater Josef Bruckmayer (1954 tödlich verunglückt) führte ihn fort. „Die Lehre in der eigenen Firma war keine einfache Sache. Denn ich war mit 16 Jahren Lehrmädchen und Juniorchefin zugleich“, so Mathilde Greil. Für das junge Mädchen heißt das: Sich durchbeißen und durchsetzen.

Zwei Fähigkeiten, die Mathilde Greil auch später in ihrem Leben gut gebrauchen kann. In den 70er-Jahren wird die vierfache Mutter von Vertretern des CSU- Ortsverbands Südwest angesprochen, ob sie nicht für den Stadtrat kandidieren wolle. „Man kannte mich als Besitzerin einer Lebensmittelgroßhandlung und als Mitglied der Kirchenverwaltung St. Anton.“ 1978 schafft Greil den Sprung in den Ingolstädter Stadtrat und wird Sozialausschuss-Sprecherin. Über die Partei kommt die Ingolstädterin auch in den Vorstand der Bürgerhilfe. „In der Kinderkrippe dort wurde gewickelt und gefüttert - ohne pädagogisches Konzept. Ich wollte beweisen, dass es auch anders geht. Nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalen haben wir ein pädagogisches Konzept für Kinder unter drei Jahren entwickelt. Danach wird heute noch in der Bürgerhilfe gearbeitet“, erzählt Mathilde Greil. Ihre CSU-Kollegen sprechen von „sozialistischen Krippenideen“, die Stadträtin lässt sich jedoch nicht beirren. „Die Bürgerhilfe war mir wichtig. Berufstätige und allein erziehende Mütter sollten dort gute Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder bekommen. Damit bin ich bei der CSU angeeckt, und wie.“ Auch in ihrer Funktion als Gleichstellungsbeauftragte (1988 bis 1990) hat Greil in der von Männern dominierten Kommunalpolitik mit Widerständen zu kämpfen. Das Bewusstsein für Frauenförderung und Gleichberechtigung fehlt Ende der 80-er Jahre in Ingolstadt. „Da gab‘s auch keine Frauen in einer gehobenen Position. Das war damals unmöglich. Aber ich habe mich schon zu dieser Zeit dafür eingesetzt, dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden.“

Ausgeprägte soziale Ader: Mathilde Greil, Vorstandsvorsitzende der Ingenium-Stiftung und Ehrenvorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Ingolstadt. Foto: Sabine Roelen (auch Aufmacherfoto)

1990 scheidet Mathilde Greil aus dem Ingolstädter Stadtrat aus. Gemeinsam mit ihrem Mann möchte sie ihre freie Zeit genießen. Doch es kommt anders. 1996 erkrankt Helmut Greil. „Man stellt eine Wesensveränderung beim Partner fest, man streitet sich. Aber die ersten zwei, drei Jahre ist man sich nicht bewusst, um welche Krankheit es sich handelt.“ Nach der Diagnose Alzheimer schließt sich Mathilde Greil am Klinikum Ingolstadt einer Gruppe für Angehörige von Demenzkranken an. Man müsse lernen, loszulassen und Hilfe anzunehmen, sagt Greil. Sie selbst kann es nur schlecht – und bekommt einen Hörsturz.

Erinnerung an Helmut Greil: Mathilde Greil vor dem Bild ihres 2004 verstorbenen Ehemannes. Foto: Sabine Roelen

Doch Mathilde Greil startet neu durch. Sie informiert sich, vertieft das Thema und stellt fest, dass es in Ingolstadt an der fachgerechten Behandlung und Betreuung Demenzkranker und ihren Angehörigen mangelt. 2001 gründet Greil die Alzheimer Gesellschaft Ingolstadt e.V. Unterstützt von der Deutschen Alzheimergesellschaft initiiert die engagierte Frau zusammen mit ihrer Tochter DorisBark-Greil, Pädagogin, und Silvia Sprehe, Krankenpflegerin, Kurse für ehrenamtliche Helfer sowie Angehörige. Nach dem Tod Ihres Mannes Helmut, 2004, geht die Ingolstädterin noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit ihrer Familie gründet sie durch den Einsatz von privatem Vermögen die Ingenium-Stiftung, die sie bis heute als Vorstandsvorsitzende leitet. Ihr zur Seite steht Dr. Winfried Teschauer als Stellvertretender Vorstandsvorsitzender. „Wir haben 2004 das erste Zentrum für Demenzkranke in Bayern 2004 in der Blücherstraße eröffnet. Damit hatten wir eine Vorreiterrolle in der Betreuung und Behandlung Demenzkranker, aber auch in der Beratung Angehöriger.“ Dort sind das Danuvius Haus sowie der Sitz der Alzheimer Gesellschaft Ingolstadt e.V. untergebracht. Es steht ein Pflegeheim mit vier betreuten Wohngruppen, eine Tagespflegestätte sowie ein umfassendes Angebot an Beratung, Vorträgen, Projektarbeit und Kursen zur Verfügung. Mittlerweile hat die Ingenium-Stiftung in der Neidertshofener Straße ein zweites Bauprojekt mit zwei Wohngemeinschaften und betreutem Wohnen verwirklicht. Darüber hinaus ist Mathilde Greil wissenschaftliche Arbeit sehr wichtig. Auch in diesem Bereich will sie entsprechende Projekte verwirklichen. „Wir schulen derzeit Ärzte, Pflegepersonal und ehrenamtliche Helfer im Umgang mit Demenzkranken, die ins Krankenhaus kommen. Ein Getränk ans Krankenbett zu stellen, reicht nicht aus. Man muss den Betroffenen auffordern, es zu trinken“, so Greil zum aktuellen Projekt „Demenz im Krankenhaus“.

Auch mit 75 Jahren hat die Vorstandsvorsitzendeder Ingenium-Stiftung und Ehrenvorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Ingolstadtein offenes Ohr und einen wachen Blick für die Probleme Ihrer Mitmenschen. Und dennoch: „Es ist wichtig, dass ich mich langsam zurückziehe. Ich gönne mir jetzt mehr Freizeit.“ Schließlich möchte die Großmutter und Urgroßmutter auch ihre Hobbies pflegen: Golf, Bridge und Lesen. Im Winter ist sie außerdem regelmäßig im Fitnessstudio anzutreffen: „Etwas Sport und gesunde Ernährung - das ist die beste Vorbeugung gegen Altern.“ Aber ganz ohne Arbeit geht’s dann doch nicht. „Ich will schon noch mitspielen, denn ich bin eine Gschaftlhuberin – wie man in Bayern so schön sagt“, schmunzelt Mathilde Greil. Man glaubt es ihr.

 

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